[Tages Anzeiger]: „Allein gegen den Holcim-Konzern” (22/10/2005)

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Tages Anzeiger 2005. október 22.


„Allein gegen den Holcim-Konzern”


Seit fünf Monaten steht ein ungarischer Geschaftsman vor der Holcim-Zentrale in Oerlikon. Er wartet auf Gerechtigkeit. Und auf die Rückgabe einer Zementfabrik in Ostungarn.

Von Mathias Frei und Bernhard Odehnal, Wien




Der alte Lastwagen passt nicht in die nüchterne Atmosphere des Industriequartiers von Oerlikon. Auf dem weissen Lack klebt der staub, über die Windschutzscheibe und auf der Rückwand hangen rot-weiss-grüne Fahnen, auf die Seitenwand ist das Foto einer Zementfabrik gesprayt. Dass der wagen derzeit zwei plattfüsse hat, stört den eigentümer nicht: Janos Kalman will den Parkplatz gegenüber der Zentrale des zementkonzerns Holcim erst verlassen, „wenn ich von Holcim Gerechtigkeit bekomme“. Das aber kann noch lange dauern.

Kalman und sein Lastwagen stehen seit Mitte Mai vor dem kühlen Bürobau in der Hagenholzstrasse. Holcim aber will nicht verhandeln, Kalman darf das Konzerngelande nicht betreten. Deshalb sitzt er die meiste Zeit in seinem zweiten Fahrzeug, einem kleinen Lieferwagen mit abgedunkelten Scheiben, der 200 Meter weiter parkiert. In den ersten Wochen des Protests übernachtete kalman sogar im Wagen, was aber die Polizei verbot. Worauf der Ungar über die Universitat Zürich ein Zimmer vermittelt bekam.

Im Lieferwagen hat er ein kleines Büro eingerichtet, mit Laptop, Drucker und einem Regal voller Aktenordner. Die Akten dokumentieren den elfjahrigen rechtsstreit, den Kalman gegen Holcim um ein Zementwerk im Nordosten Ungarns führt.


Holcim soll fabrik gestohlen haben

Kalman behauptet, Holcim habe sich auf illegalem Weg die Aktienmehrheit der Hejöcsaba Zementwerke (HCM) gesichert und ihm so die Fabrik in einem Vorort der Stadt Miskolc gestohlen. Der Ungar fordert von den Schweizern entweder die Rüchgabe der Fabrik oder eine Entschadigung von 160 Millionen Euro. Nachsten Dienstag will er auf einer Medienkonferenz „die Öffentlichkeit über diese grobe Ungerechtigkeit informieren“.

Es ist ein ungleiches Duell. Auf der einen Seite einer der weltgrössten Zementproduzenten, mit 61 000 Mitarbeitern in mehr als 70 Landern und einem Eintrag von 13 Milliarden franken. Auf der anderen Seite ein 57-jahriger Chemieingenieur aus Budapest, der sich nach dem Systemwechsel Anfang der Neunzigerjahre auch einmal als Unternehmer versuchen wollte.

Im Herbst 1994 gründete Kalman das aus sechs kleinen Gesellschaften bestehende Konsortium Magyar Cement und kaufte Aktien der HCM, die damals schon zu einem Drittel Holcim gehörte. Die Schweizer (damals noch: Holderbank Financiere Glaris) hatten sich gleich bei der ersten Privatisierungsquelle in Ungarn im November 1989 Anteile an HCM und an der Zementfabrik Labatlan (LCM) gesichert. Heute hat Holcim Hungaria 500 Mitarbebiter, die einen jahrlichen Ertrag von 173 Millionen Franken erwirtschaften.


„Verdeckte Übereinkünfte“

Erst ein Jahrzehnt spater untersuchte eine Kommission des Budapester Parlaments den Verkauf  der Zementindustrie und beurteilte die Privatisierung als „aus heutiger Sicht unakzeptierbar“: Viele Vertrage seien vermutlich durch „verdeckte Übereinkünfte“ erganzt worden. Der Vorsitzende des Ausschusses, Istvan Ivanics, findet es „sehr merkwürdig“, dass Holcim die Aktienmehrheit bei HCM für rund 700 Millionen Forint erwerben konnte, obwohl das Zementwerk damals einen Gewinn von 2 Milliarden erzielte. Da könne man doch vermuten, „dass diese Vertrage nicht im Interesse des ungarischen Staates gemacht wurden“, sagt Ivanics zum TA.

Im November 1994 kaufte Janos Kalman Aktien innerhalb seines Konsortiums auf, um auf der Generalversammlung von HCM personelle Veranderungen des Vorstands und des Aufsichtsrates durchzusetzen. Diese Aktienkaufe wurden jedoch von HCM bis 1996 nicht im Aktienregister eingetragen, und Kalman klagte. Selbst der Oberste Gerichtshof habe festgestellt, dass Holcim durch illegale Manipulation des Aktienbuchs die Ausübung der Gesellschafterrechte verhindere, sagt er heute: Allerdings verzögere Holcim durch Einsprachen den Vollzug des Urteils.

Unangenehm könnte die Sache für Holcim werden, weil Kalman politische Unterstützung bekommt. Abgeordneter Istvan Ivanics will nach Zürich kommen, um sich solidarisch zu zeigen. Er gehe davon aus, dass Holcim seine Finanzkraft und sein Wissen missbraucht habe, um einen ungarischen Geschaftspartner zu verdrangen.

Ivanics ist Mitglied der Jungdemokraten (Fidesz), die gute Chancen auf einen Sieg bei den Parlamentswahlen 2006 haben. Der Parteichef Viktor Orban will als Regierungschef die Privatisierungen rückgangig machen, wenn der Verdacht auf Gesetzesverletzungen oder Korruption bestehe. Holcim müsse sich vor einer zukünftigen Fidesz-Regierung nicht fürchten, sagt Ivanics: „Aber sie muss rechtskraftige Urteile akzeptieren und die Entschadigung an Kalmans Konsortium zahlen.“

In der Zürcher Konzernzentrale von Holcim verweist man auf ein „laufendes Verfahren“, das man derzeit nicht kommentiere. Eine Stellungnahme sei erst nach Kalmans Medienkonferenz geplant.

Beim Verband der Ungarischen Zementindustrie in Budapest will man sich nicht in die „Privatfehde“ einmischen. Ein Sprecher gibt die Schuld am Konflikt aber eindeutig Kalman, der alle Beschlüsse des Amts für Wirtschaftswettbewerb missachte. Es hatte 1997 Holcim die mehrheitsrechte an der Zementfabrik zugesprochen.


Opfer eines Querulanten?

Im Gesprach vor der Holcim-Zentrale vermittelt Kalman nicht den Eindruck einer fanatischen Persönlichkeit. Mit seinem Anzug, dezenter Krawatte und den weissen haaren würde er problemlos als Holcim-Mnager durchgehen. Er tragt ruhig und sachlich die Gründe für seinen ungewöhnlichen Protest vor. Die Kraft zum Widerstand („Sie können das ruhig als Mission bezeichnen“) sei ihm von seinem vater vererbt worden, der 1956 den Aufstand gegen die sowjetischen Truppen angeführt habe und dafür ins Gefangnis ging. Auch Kalmans Kampf fordert Opfer. Die Ehe ging in die Brüche, zwei seiner Kinder gingen auf Distanz. Nur die jüngste Tochter besucht ihn in der Schweiz. Unterstützung erhalte er auch von Kollegen aus der magyar Cement, sagt Kalman. Resignation könne er sich nicht erlauben: „Ich bin so weit gegangen, ich kann nicht mehr zurück.“